Sparrenburg: Zeughaus frei für Öffentlichkeit

Bielefeld. Mit der Öffnung des Zeughauses für die Öffentlichkeit am Freitag, 18. Oktober, wird die Attraktivität der Sparrenburg gesteigert, da dieser Ort in besonderem Maße Geschichte vermittelt. Zusätzlich bieten die Räume Möglichkeiten für die Organisation von kleineren Veranstaltungen.

 

Um das renaissancezeitliche Ensemble (Kiekstattrondell, Windmühlenrondell und Zeughaus einschließlich der jeweiligen Verbindungselemente) heute nachvollziehbar zu präsentieren und erlebbar zu machen, hat der städtische Immobilienservicebetrieb seit dem Herbst 2010 umfassende Maßnahmen zur Sicherung und Sanierung ausgeführt. Dabei wurden die Fugen aller Wandflächen und die alten Putzflächen saniert, um die Substanz zu erhalten. Die Mauerkronen wurden aus bauphysikalischen Gründen mit einer Mörtelschicht und einer Extensivbegrünung modelliert. Auch die beschädigten Mauerbereiche haben eine modellierende Mörtelschicht erhalten. Einzelne Mauerwerksabschnitte wurden aufgenommen und wieder verlegt. Freigelegte Pflasterflächen wurden herausgearbeitet. Die Innenflächen der Räume wurden zum Begehen und zur besseren Pflege mit einer wassergebundenen Decke versehen. Außerdem wurde die Geländerführung zur Verkehrssicherung mit Felsrosen und Stahlbügeln in zurückhaltender Form angelegt, um die Ablesbarkeit der historischen Zusammenhänge und das Gesamtbild der Burg- und Festungsanlage nicht zu stören. Insgesamt haben die Baukosten hierfür rund 175.000 Euro betragen.

 

Bei den zwischen 2007 und 2010 im Zuge der notwendigen Sanierungsmaßnahmen auf der Sparrenburg erfolgten Ausgrabungen hatten die Archäologen der LWL-Archäologie für Westfalen – auch aus historischer und archäologischer Sicht – zum Teil spektakuläre und bedeutsame Befunde freigelegt. Diese sind im Wesentlichen der Zeit des Ausbaus der mittelalterlichen Burg zu einer repräsentativen Festungsanlage im 16. Jahrhundert zuzuordnen. Darüber hinaus ist auch eine Vielzahl weiterer Befunde zutage getreten, die nach erfolgter Dokumentation bereits wieder verfüllt worden sind, um die Nutzbarkeit der Sparrenburg nicht über Gebühr langfristig zu beeinträchtigen. Im unteren Bereich der Burgwiese unterhalb des Turms (Bergfried) wurden die Überreste eines großen ehemals wohl zweigeschossigen repräsentativen Gebäudes freigelegt, das nach Überzeugung der Bauforschung als Zeughaus gedient hat. Das Zeughaus (etwa 55 mal 15 Meter) besteht aus fünf Räumen, die sich zum südöstlichen Vorplatz öffnen und miteinander verbunden sind. Eine Ausnahme bildet der größte Raum (ungefähr 15 mal 15 Meter) am Südwestende des gesamten Gebäudes, dessen Ausstattung mit großen Wandnischen und kräftigen Eckpfeilern zeigt, dass er eine besondere Funktion hatte.

 

Das eigentliche Zeughaus (Räume 1 bis 4) diente der Aufbewahrung von Waffen, der Anfertigung von Munition und hatte außerdem sowohl eine repräsentative Bedeutung als auch eine Bedeutung als Befestigung. Die breiten Toreinfahrten der Südostfassade deuten darauf hin, dass das Gebäude durchaus mit mehrspännigen Pferdefuhrwerken befahren werden konnte. Raum 1 und Raum 4 waren sogar als direkte Durchfahrten zum Kiekstatt- und zum Windmühlenrondell ausgebildet. Raum 1 und 2 weisen Reste von Sandsteinkonsolen auf, die offensichtlich dazu dienten, eine mächtige Balkenkonstruktion zu tragen, um die Räume, die darüber lagen und den Dachstuhl mit großem Gewicht belasten zu können. Es ist wahrscheinlich, dass im Obergeschoss des Zeughauses Geschütze aufgestellt waren, um über die Kurtinenmauer hinweg feuern zu können. Auf der Hangfläche zwischen Zeughaus und Turm ist eine Stützmauer ausgegraben worden, die ebenfalls der Renaissancezeit zuzuordnen ist und die offensichtlich dazu diente, den Hang abzustützen und einen Vorplatz für die Zufahrt zum Zeughaus zu schaffen.

 

Das freigelegte Kiekstattrondell und das Zeughaus mit dem durch die renaissancezeitliche Stützmauer begrenzten Vorplatz stellen die wohl eindrucksvollsten Befunde der Ausgrabungsarbeiten dar. Sie werden von fachlicher Seite nicht nur von den Archäologen der LWL-Archäologie einzeln und in ihrer Gesamtheit als überaus bedeutsam eingeschätzt. So urteilt der Bauhistoriker Dr. Roland Pieper in einer im September 2009 abgegebenen Stellungnahme: „…auch das Zeughaus darf als Sensationsfund gelten. Der Typ des Zeughauses ist zwar in manchen Städten besonders Süddeutschlands erhalten, auf Festungen dagegen nur sehr selten und wenn doch, dann in Formen des 18. oder sogar 19. Jahrhunderts. Was in Bielefeld sichtbar geworden ist, findet sich in der Regel nur mehr auf Holzschnitten und Kupferstichen.“ In einem bereits im Dezember 2008 abgegebenen Bericht urteilt er: „Die Besonderheit des Bielefelder Zeughauses besteht darin, dass es die Zufahrten auf die Geschützplattformen deckte. Es war damit möglich, unbeobachtet und zugleich völlig geschützt Material an die erforderliche Stelle zu transportieren. … In Zeughäuser integrierte Rondelle wie in Bielefeld sind selten, wohl auch selten gebaut gewesen, scheinen aber seit Maximilianischer Zeit ein Ideal gewesen zu sein. Der Fund des Bielefelder Zeughauses ist damit für die Typologie und Funktion der Zeughäuser im deutschsprachigen Raum eine große Besonderheit, zudem eines der wenigen großen Festungszeughäuser aus dem 16. Jahrhundert.“

 

Die besondere Bedeutung der renaissancezeitlichen Befunde auf der Sparrenburg liegt dabei nicht nur in der Außergewöhnlichkeit der einzelnen Gebäudereste. Das Renaissance-Ensemble bestehend aus Windmühlenrondell – Kiekstattrondell – Zeughaus und deren Verbindungen verleiht der Festung Sparrenburg darüber hinaus einen außergewöhnlichen Stellenwert. Die Abläufe auf der Festung im 16. Jahrhundert können daraus erschlossen und nachvollzogen werden. Es bieten sich neue Erkenntnisse für die konkrete Geschichte der Sparrenburg, denn durch diese Befunde ist deutlich geworden, dass zunächst das Windmühlenrondell und später das Kiekstattrondell außerhalb der mittelalterlichen Burganlage als Gefechtstürme errichtet wurden. Das Windmühlenrondell wurde dann mittels der doppelstöckigen Brücke, das Kiekstattrondell durch zwei Gänge mit der Burg verbunden. Das Zeughaus diente insbesondere als Versorgungseinrichtung. Schließlich entstanden die Kurtinenmauer und die Kasematten, die auch die unterirdischen Verbindungen ermöglichten und damit die Verteidigungsfähigkeit der Anlage verbesserten.

 

Bildquellennachweis: Christian v.R.  / pixelio.de
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