Kaufkraftabfluss ist auch Kaufkraftzufluss – nur woanders. Der Kuchen ist verteilt. Mit Center droht die Innenstadtverödung. Minden setzt mit Center alles auf eine Karte.

Auch Minden hat nun die Center – Welle erreicht, die bereits über zahlreiche andere Städte geschwappt ist. Immer sind es die selben Argumente, womit die Betreiber die Politik und die Einflussgrößen zum großen Teil zu ködern versucht.

 

Hauptargument ist immer wieder der Kaufkraftabfluss, Stärkung der Innenstädte, Verlust an Zentralität und fehlende Sortimentsangebote in der Innenstadt.
Dabei werden von der Politik willfähig die Begriffshülsen aufgenommen, die die Betreiber so gern in den Raum werfen, um zu begründen, warum man diese Center unbedingt braucht. Wer will sich schon solchen Begriffen und solcher geballten Wirtschafts- und vor allem Kapitalmacht entgegenstellen, und sich vorwerfen zu lassen, man sei gegen Wachstum, gegen die Stärkung der Innenstadt usw.. All zu leicht gibt die Politik dem schönen Schein der Glanzkonzepte nach, denn Widerstand wird nieder gemacht und sicherheitshalber steht man dann doch lieber auf der richtigen Seite.
Dabei wird gern die Frage ausgeklammert, welche negativen Folgen daraus entstehen können und ob solch ein Center nicht eher schadet als nutzt. Zwar betont der Bürgermeister Buhre im Presseartikel des MT vom 12.05.06, „es gelte, sich nicht von Ideen blenden zu lassen“, doch sein Mitarbeiter der Fachbereichsleiter Bau, Erzigkeit, macht im selben Artikel deutlich wohin der Hase laufen wird: „Die Kunden erwarten inzwischen große, zusammenhängende Angebote auch in der City. Die Stadt braucht den Handel, der Handel braucht die Stadt aber nicht.“
Wenn er da mal nicht irrt.
Wäre die Innenstadt unattraktiv, gäbe es wohl kaum die jetzige Situation, dass alleine drei Betreiber ein Center in der Innenstadt errichten wollen.
Wenn man die Verschärfung des interkommunalen Wettbewerbs verspüre, wie Bürgermeister Buhre  im selbigen Artikel beklagt, so liegt dass nicht am Fehlen des City – Centers sonder an der fehlenden Kaufkraft und dem fehlenden effektiven Stadtmarketing.
Die fehlende Kaufkraft ist nicht nur eine besondere Erscheinung der Stadt Minden, sondern ein Phänomen, das ganz Deutschland betrifft.
Somit ist es auch kein Zufall, wenn wie Bürgermeister Buhre erkannt hat, dass sich der interkommunale Wettbewerb verschärft hat.
Kaufkraft gesucht – aber nur von den Anderen
Es bleibt die Frage, woher das neue City – Center, sollte es gebaut werden, seine Kaufkraft nehmen will.
Da diese nicht beliebig vermehrbar ist, sondern eher auf andere Einzelhandelsunternehmen verteilt ist, kann das doch nur bedeuten, dass diese Kaufkraft den anderen bestehenden Unternehmern entzogen werden soll und auch muss, den woher soll sie sonst kommen.
Da sind die Warnungen des Vorsitzenden des Einzelhandelsverbandes mehr als berechtigt, der im Presseartikel des MT vom 10.05.06 darauf hinweist, “ dass das Einkaufscenter im Rathausquartier nicht so ausgelegt sein dürfe, dass Geschäften im Umfeld der Garaus gemacht wird.“
Genau das ist in Siegen durch den Bau der City – Gallerie passiert.
In der WDR – Sendung Westpol vom 19.02.2006 wurden die Auswirkungen des Einkaufscenters nachdrücklich beschrieben. Dort berichtete Gerhard Schridde vom Einzelhandelsverband Siegen: “ Seit etwa fünf, sechs Jahren, seit Ansiedelung der City – Gallerie hat sich das natürlich hier in der Frequenz dramatisch nach unten entwickelt. Und Sie sehen ja neben mir und hinter mir die Geschäfte, die teilweise leer stehen oder dabei sind, zuzumachen. Also insofern ist das schon bedauerlich, wie das hier in der Frequenz abgebrochen ist. Und es ist also inzwischen allenfalls eine 1 – b – Lage von Siegen.“
Siegen hat somit nun einen lukrativen und pulsierenden Konsumpalast aber dafür eine verwaiste Restinnenstadt. Geschäfte finden keine Mieter, obwohl der Quadratmeter nur noch 5 Euro kostet statt der früheren 100 € pro m².
Da hilft es eher gar nicht, wenn eine 20 köpfige Delegation aus Politik und Verwaltung der Stadt Minden zwei bestehende ECE – Center in Lüdenscheid und Wuppertal besucht. Es dürfte klar sein, dass die ECE keine Center vorstellt die schlecht laufen oder negative Auswirkungen haben. Statt dessen hätte die Delegation nach Siegen fahren sollen, denn dort wurde das Center ebenfalls von der ECE errichtet.
Von all dem schönen Schein haben sich inzwischen die Städte Düsseldorf und Duisburg nicht weiter blenden lassen und auf die geplanten Center verzichtet.
Nach dem Bericht der Welt vom 15.11.05 haben die Düsseldorf-Arkaden und das Multi Casa in Duisburg kaum noch Chancen auf die Verwirklichung ihrer ursprünglichen Form, da die abgespeckten – und gleichzeitig innenstadtverträglichen – Versionen – die jetzt von den Kommunalpolitikern gefordert werden, für die Entwickler nicht mehr rentabel genug sind.

Auswirkungen für die Stadt Minden Für die Stadt Minden kann man davon ausgehen, dass die Geschäfte, die z. Zt. noch die 1 A Lagen Bäckerstraße und Scharn besetzen, in das Center einziehen würden, da nur sie in der Lage sind, die geforderten Mieten, Öffnungszeiten und Werbemaßnahmen finanzieren können.
Ebenso kann von einem Arbeitsplatzabbau und eine Umwandlung der Arbeitsstellen in 400.- € – Jobs ausgegangen werden, da der Kostendruck auf die Einzelhändler zunimmt. Die Schließung kleinerer Einzelhandelsgeschäfte, die noch nicht einer Kette angehören, wird zu einer weiteren Verödung der Angebotspalette führen, da dann nur noch Ketten übrigbleiben.
Neueste empirische Forschungsergebnisse der Soziologin Monika Popp der Universität München belegen inzwischen, dass der erhoffte „Kopplungseffekt“ von Einkaufscentern ein Mythos sei und sich nur im absoluten Nahbereich einstellen kann, während der innerstädtische Haupteinkaufsbereich auf Grund der Sogwirkung des Einkaufscenters schrumpft. Die Folge, so Frau Popp: „Die Nebenanlagen gleiten regelmäßig in den Abstieg. (Welt 13.03.06)
Auswirkungen auf Nachbarstädte und Gemeinden Auswirkungen wird ein solches Einkaufscenter auch auf die Nachbarstädte Petershagen, Bückeburg, Hille und Porta Westfalica haben.
Allein die Mindener Bevölkerung reicht kaum aus, den anvisierten Umsatz zu erzielen. „Außerdem will man Kaufkraft wieder in die Stadt zurück holen“, wie SPD – Fraktionschef Reinhard Kreil im MT vom 03.02.06 betont.
So ist es auch kein Wunder, dass der Vorsitzende der Bückeburger Stadtmarketing, Sönke Lorenzen, im selben Artikel zu bedenken gibt, dass dieses Vorhaben für Bückeburg nicht gut ist und „es wird uns Kaufkraft kosten“.
Werden nun die umliegenden Gemeinden und Städte tatenlos zusehen wie ihnen die Kaufkraft entzogen wird, oder werden sie darauf reagieren.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass in diesen Gemeinden und Städten der Zerfall des Einzelhandels beschleunigt wird oder zum endgültigen Aus führt.
Sollten sie es schaffen, durch eigene Maßnahmen den Kaufkraftabfluss zu verhindern oder zumindest einzuschränken, wurde das Mindener Center in Schwierigkeiten kommen. Sicher kann man dann aber sein, dass es allen nicht gut geht – und dass das dann zu Lasten der Arbeitsplätze geht.
Ebenso ist ungeklärt, inwieweit die Stadt Minden für das Center finanzielle Verpflichtungen übernehmen muss, wenn es nicht so läuft wie geplant.
Jetzt liegt das Risiko auf vielen Schultern und ist gut verteilt.
Sollte das Center kommen, hat die Stadt alles auf eine Karte gesetzt.
Aber wenn man pleite ist, ist sowieso alles egal, oder?

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