Benehmen ist Glücksache, nicht nur bei vielen Jugendlichen

Immerhin grüßen die Erwachsenen aus der Nachbarschaft teilweise noch. Auch im Geschäft beim Einkaufen gibt es noch relativ regelmäßig ein „Guten Tag“ und „auf Wiedersehen“. Das war es dann aber oft auch schon.

Zumindest scheint das Grüßen seinen Wert verändert zu haben, ebenso wie die Form und Anwendung nicht mehr so sind wie sie waren.
Dabei war es vor einigen Jahren sozusagen Standard jeden zu grüßen, der da einem in die Quere kam und man hatte ein klares Muster wie dieses stattfand. Jüngere grüßten Ältere, Hinzutretende die Anwesenden, Angestellte den Chef, Schüler den Lehrer und Kinder die Erwachsenen.

 

Heute grüßen nicht einmal viele Jugendlichen aus der Nachbarschaft, und auch zunehmend viele Erwachsene, die man schon oft gesehen hat, unterlassen das Grüßen und gehen achtlos und wortlos vorbei.
Selbst wenn man ein Hallo zuruft oder seriöser „Guten Tag“ äußert, kommt oft nicht einmal eine Antwort zurück, sondern man wird mit erstauntem Blick angesehen oder sogar entrüstet, als hätte man gerade den Versuch gestartet, die andere Person zu belästigen.
Interessant ist auch die Beobachtung von Lehrer in der Schule, dass fast alle Schüler den Lehrer grüßen , solange sie bei ihm Unterricht haben, aber das umgehend einstellen, sobald sich diese Situation ändert.
Auch im allgemeinen gesellschaftlichen Umgang kann man Ähnliches feststellen, dass plötzlich gegrüßt wird oder auch das ganze eingestellt wird, ohne sofort eine Erklärung dafür zu finden.

 

Grüßen scheint aber wichtig zu sein, denn es wird und wurde viel Energie dazu verwendet, bestimmte Grußrituale einzuüben.
Wer erinnert sich nicht an den Kindergarten, wo alle Kinder im Kreis standen und im Chor „Guten Morgen“ riefen oder ein Begrüßungslied sangen, an die Schule, wo alle Schüler beim Eintritt des Lehrers aufstehen mussten und im Chor „Guten Morgen“ Herr Lehrer riefen und sich erst dann wieder hinsetzen durften. Auch die Bundeswehrzeit ist vielen noch in Erinnerung, wo das „Grüßen“ Teil der Ausbildung und militärische Pflichtaufgabe war und heute noch ist. Es wurde immer viel Wert darauf gelegt, und es ist noch nicht lange her, da gab es von den Eltern sogar etwas hinter die Ohren, wenn man das als Kind vergessen hatte.

 

Grüßen ist scheinbar keine unbedeutende Handlung, aber wie läuft das ab und nach welchen Kriterien passiert das?

 

Nach der Definition der freien Enzyklopädie Wikipedia stellt ein Gruß eine formalisierte oder ritualisierte Geste dar, zum Einleiten oder Abschließen eines Kontaktes. Abgeleitet aus dem Westgermanischen grotjan- „zum Reden bringen, sprechen machen“, teilt der Grüßende dem Anderen etwas mit, seine Sicht der Beziehung zum Gegrüßten. Dabei werden bestimmte Gesten verwandt, die mitunter auch die Zugehörigkeit zu bestimmten Gesellschaften, Vereinen, Bewegungen oder Gruppen demonstrieren sollen. Negativ bekannt ist da noch der Hitlergruß. Es gibt die alten Grußformen wie die erhobene geballte Faust bei den Kommunisten und Sozialisten, die einen mit der rechten, die anderen mit der linken, oder die heute üblichen bei Militär und Polizei, oder aus der Antike bei den Römischen Spielen, wo die Gladiatoren den Kaiser begrüßten mit: „Ave Cäsar, morituri te salutant“ , sei gegrüßt Kaiser, die Todgeweihten grüßen dich. Diese ritualisierten und fast zwingenden Grußformen sollten die Gruppenbindung verstärken und somit die Gruppenstärke nach außen demonstrieren.

 

Grüßen hat somit eine gesellschaftliche Funktion, die auch ohne die spezifischen Zuordnungen zu Gruppen wichtige Bedeutung für das Zusammenleben innerhalb und außerhalb von Gesellschaften hat.
Bekannt von den Indianern ist das Begrüßungsritual der erhobenen rechten offenen Hand, was symbolisiert, dass der Grüßende keine Waffen hat. Somit wird die Friedfertigkeit verdeutlicht und es ermöglicht einen konfliktfreien Umgang, was das Überleben erleichtert.
Egal, welche Geste für den Gruß verwandt wird, er erleichtert den Umgang mit den Mitmenschen und stellt eine Kommunikation dar, die Klarheit schafft und somit Konflikte einschränkt.

 

Man muss nicht unbedingt mit seinem Gegenüber reden. Das einander Zunicken demonstriert ebenso gesellschaftliche Anerkennung unter Gleichgestellten, wie gesprochene Sätze. „Wie geht es?“ „Ja gut und Ihnen hoffentlich auch.“, sind Floskeln, die nachfolgend die Voraussetzung für weitere Gespräche sein können, wie gleichermaßen das vorherige Zunicken.

 

Die Ignoranz dieser kleinen zwischenmenschlichen Regungen dagegen kann als Provokation, als mangelnde Anerkennung gesehen werden und sich zu einem gesellschaftlichen Konflikt entwickeln, da statt klärender Gespräche Konfrontationen und Abneigungen, und seien sie vorerst nur emotional, aufgebaut werden.

 

Nicht umsonst haben sich im Laufe der Geschichte verschiedenste Grußformen entwickelt, die das gesellschaftliche Zusammengehörigkeitsgefühl verstärken sollten, denn besonders in früherer Zeit war man auf den anderen sehr häufig angewiesen. Da konnte die ausbleibende Hilfe schon existenzbedrohend sein.

 

Die heute bei uns abgesicherte Gesellschaft mit ihren Sozialleistungen und Einrichtungen macht den Einzelnen zunehmend unabhängiger von seinen Mitmenschen, die Individualisierung führt zu Verlusten von Bindungen und somit verliert sich für viele die Einsicht in die Notwendigkeit, auf den anderen einzugehen und sei es nur durch einen Gruß.

 

Die Mitmenschen werden zunehmend unbedeutend und somit verändern sich die Werte und Normen, so dass viele Eltern keine Anstrengung mehr darauf verwenden, herauszufinden, was gesellschaftlich nützlich und sinnvoll ist, sondern sehen nur noch was ihnen kurzfristig nutzt. Also besteht auch für viele Eltern keine Notwendigkeit mehr, die Kinder zum Grüßen zu erziehen, denn es geht ja nur noch um einen selbst.
Grüßen unterliegt somit einer Nutzenanalyse und wird reduziert auf das Notwendige, dem individuellen Nutzen. Woher sollen es die Kinder wissen, wenn nicht von ihren Eltern. Gegrüßt wird nur noch, wenn es sein muss. Egoismus pur in einer verwöhnten Gesellschaft.

 

So wundert es auch nicht, dass sich heute immer weniger Menschen für die Gesellschaft in Vereinen, Gruppen oder sonst wie engagieren. Der Feuerwehr, den Vereinen und sogar den Parteien fehlt der Nachwuchs.

 

Da sind die Bayern doch etwas anders gestrickt. Die grüßen eigentlich immer, selbst wenn man als Norddeutscher nicht antwortet. Dabei sagen sie sicherheitshalber aber immer „Grüß Gott“ als könnte es möglich sein, dass der Herrgott sich doch noch mal auf die Erde getraut hat. Da hat man dann auf jeden Fall nichts falsch gemacht, und der Herrgott ist einem dann wohl gesonnen. Vielleicht eine spezielle Art von Egoismus, aber doch eine angenehme.

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